EMMA6

„Wir waren nie hier“

Eine gute Band öffnet Dir Welten – ganz gleich ob exotisch fremde oder angenehm vertraute. EMMA6 gelingt es dabei, schon mit wenigen Worten, mit ausgesuchten Bildern so viel Welt sichtbar zu machen, als wäre ein Song eines dieser 180-Grad-Kinos, die es früher auf dem Jahrmarkt gab.

180-Grad-Kino? Was soll das denn für eine Referenz sein? Nun, man könnte auch schreiben, „Songs wie eine Virtual-Reality-Brille“, aber das trifft es nicht. EMMA6 besitzen einfach etwas zutiefst Analoges. Nullen & Einsen, Cyberphantasien spielen woanders. Ein schönes Beispiel für diese Visionskraft ihres dritten Albums ist das Stück mit dem Titel: „Das Haus mit dem Basketballkorb“.

Das Haus mit dem Basketballkorb… Die eigene Assoziationsmaschine rattert sofort los! Endlich mal wieder Pop, der sie kitzelt und nicht alles bereits hermetisch und eindimensional vorgibt. So spuckt sie dann auch einiges zu diesem Song, zu diesem Bild aus: Eine Garage, daran oder daneben der Basketballkorb. So ein Setting findest Du nicht in einer Hochhaussiedlung, das muss ein eigenes Häuschen sein mit bisschen Platz, kein Reihenhaus – und dieser improvisierte Mini-Basketball-Court passt nicht wirklich in die Stadt, er hat eher was von kleinem Dorf denn großer Metropole. „Kommt rein, Essen wird kalt!“ „Gleich, nur noch das Spiel fertig machen!“ Die Erinnerungen an diesen Ort sind nicht uralt. Basketball spielen neben der Karre der Eltern? Das gibt es zwar schon seit der Steinzeit, richtig populär wurde es aber erst in den 90ern. NBA im deutschen TV, Air Jordan, Dennis Rodman, Detlef Schrempf und so.

EMMA6 geben einem mit Songs wie diesem ganz viel zu verstehen. Der Rest steht hier: Die heute in Köln beheimatete Band begegnete sich schon in ihrer Jugend – und in ihrer ganz persönlichen Kleinstadt. Heinsberg, kaum größer als ein Dorf und fast übertrieben nah an der Grenze zu den Niederlanden. Wobei der Nukleus der Band sich sogar auf eine noch kleinere Einheit zurückführen lässt: Peter und Henrik Trevisan sind nicht nur Sänger, Gitarrist und Schlagzeuger des Trios sondern auch Brüder. Bassist Dominik Republik teilte Schulwege mit den beiden – und vom Kicken kannte man sich ohnehin schon eine lange Zeit. Eine Jugend in den 90ern.

Die Texte verwischen das nicht, im Gegenteil. Sie suchen, sie forschen, sie graben. Warum ist man heute der, der man ist? Und welche Aussage trifft das eigentlich über das, was noch kommt? Wobei die Texte immer so gehalten sind, dass die eigenen Assoziationen weiter getriggert werden, die Fragen, die sich diese Band und diese Platte stellen, werden schnell zu den eigenen – vermutlich, weil sie es schon immer waren. So hängt man schnell mit Haut und Haaren in diesem Album.

Wie wichtig diese Platte der Band selbst ist, spürt man dabei in jedem Moment. Die erste nach dem Abenteuer, bei einer Major-Plattenfirma unter Vertrag gewesen zu sein. Die erste nach einer Zeit, in der es um Charts, Budgets und Marktförmigkeit ging. Die erste … eigene.

„Wir waren nie hier“ fühlt und hört sich an wie Befreiung.

Songwriter Peter kann das nur bestätigen: „Wir wollten uns nicht mehr dem Zwang unterwerfen, Schwächen beim Spielen und Singen, unbedingt ausbügeln zu müssen – wie es mittlerweile leider Standard ist. Was wir machen, ist manchmal sicher sehr weit entfernt von musikalischer Perfektion, aber besitzt dadurch auch eine gute Dynamik, eine eigene Note. Das wollten wir auf dem Album festhalten.“

EMMA6 steht 2017 dafür, lieber mal laut zu hupen, statt beflissen das eigene Profil unsichtbar zu schleifen.

Man muss nicht EMMA6 oder gar Musik studiert haben, um zu merken, wie gut dem Sound die Absenz einer alles gleichmachenden Majorproduktion tut. Und wie gut aber auch für die Texte die damit einhergehende Unsicherheit ist. Jetzt gehört man sich also wieder selbst, und was fängt man damit an? Auf dieser Platte geht es um alles, um’s Gestern, um’s Heute und Morgen. Flamme an!

Und es geht darum, den eigenen Stücken gerecht zu werden. Stücken wie „10 Jahre“, die Akkordfolge dazu schleppte Peter schon länger mit sich herum, doch erst auf einer Interrailreise durch Schottland, England, Wales, Irland wollte der Song dazu raus. Problem: Keine Gitarre im Gepäck, sowas ist bei Interrail ja auch bloß etwas für Masochisten oder Hippies. Doch zum Glück fand sich in jedem Pub und in jedem Hostel immer eine, die er benutzen konnte – und so das Stück von Station zu Station immer weiterschrieb. Schöne Geschichte, schöner Song.

„Wir waren nie hier“ ist letztlich genauso ein reifes Album wie ein heimliches Debüt. Es lässt immer wieder Hoffnung schimmern, aber verliert sich nicht in der allgegenwärtigen Trost-Prosa des kontemporären Deutsch-Pops. EMMA6 machen einfach viel mehr möglich – die persönliche wie universelle Apokalypse bleibt in ihren Songs nicht aus Rücksicht ausgespart, sondern ist Teil der eigenen Bewusstwerdung. Eine Bewusstwerdung, die sich auch dem Hörer nicht verschließt. Denn: Eine gute Band öffnet Dir Welten – und eine sehr gute sogar Deine eigene. 

Text: Linus Volkmann

 

EMMA6 gehen im April 2017 auf Tour:

11.04.2017 Hannover – Lux
13.04.2017 Hamburg – Nochtspeicher
15.04.2017 Berlin – Musik&Frieden
16.04.2017 Leipzig – Moritzbastei
17.04.2017 Köln – Stadtgarten
18.04.2017 Heidelberg – Halle02
19.04.2017 München – Strom
21.04.2017 Frankfurt – Nachtleben
22.04.2017 Dortmund – FZW

 

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