Luke Sital-Singh

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Im Juli 2015, keine 12 Monate nach der Veröffentlichung seines Debütalbums „The Fire Inside“ verfasste der britische Singer/Songwriter Luke Sital-Singh einen Brief. Einen Brief an seine Fans, die Welt und sich selbst. Er setzte jeden Buchstaben per Bleisatz und brachte sie mit einer alten Druckpresse auf Papier, Zeile für Zeile. Es war eine Pause, eine Reflektion der letzten Jahre, vor allem der Veröffentlichung seines Debütalbums. „The Fire Inside” war ein Album voller Kompromisse, die leicht bittere Frucht eines Majorlabel-Deals, der von vornherein unter einem schlechten Stern stand. Diese Zeilen waren außerdem ein persönliches Manifest, ein sich sammelnder Aufschrei. Nicht zuletzt waren es schöne Zeilen. Durchdacht, überlegt und sorgsam präsentiert.

„Ich habe ein Album gemacht auf das ich größtenteils stolz sein konnte. Aber der Prozess war anstrengend und Prozesse sind mir wichtig. Sie geben dem Ergebnis eine unterschwellige Bedeutung. Und jetzt schaue ich etwas irritiert zurück. Alles, woran ich mich erinnern kann, ist der Prozess und der war zu zäh.“

“Als es dann an der Zeit war weiterzumachen, war klar, dass sich einiges ändern musste. Ich wollte wieder die Kontrolle über den Prozess haben. Ich wollte es weniger komplex. Komplexität kann gut sein, aber sie kann auch mürbe machen. Im Kleinen liegt eine gewisse Kraft, wenn man sie gezielt nutzt.“

Achtzehn Monate später – er wollte sich nicht hetzten lassen – erscheint nun „Time Is A Riddle”. Das Album das Sital-Singh ausschließlich nach seinen eigenen Spielregeln aufgenommen hat. Keine Kompromisse, kein Zeitdruck, keine aufgezwungenen musikalischen Experimente. Nur Sorgfalt, Fleiß und sinnvoll investierte Zeit. Das Ergebnis ist eine wundervolle Platte, das Destillat einer Idee und der Einflüsse, die Sital-Singh begleiten seit er als Teenager ehrfürchtig Damien Rice lauschte oder als er seine erste Ryan Adams Show in Brighton besuchte.

Fragt man ihn nach seinen Einflüssen und der Musik, die ihn zu dem Musiker machte, der er heute ist, sagt er:

„Handgemachter Singer/Songwriter-Musik haftete für mich damals etwas Tieferes, Bedeutsameres an, etwas sehr Schönes. Ganz generell mag ich eigentlich ausschließlich Musik, die ich als schön bezeichnen würde. Für mich sind das eher langsamere Sachen. Unter meinen Freunden gib es den Running-Gag, dass ich ein Miesepeter bin.“, gibt er schmunzelnd zu. „Das hat nichts damit zu tun, dass ich vielleicht depressiv wäre, ich bin einfach recht introvertiert, ruhig und pessimistisch – aber damit bin ich sehr glücklich. Und der Song an sich war immer das, was mich am meisten interessiert hat, nicht die Glöckchen und Flöten drum herum. Mir geht es um den Song in seiner reinsten Form. Und das mit nur einer Gitarre oder einem Piano entstehen zu lassen, davon bin ich regelrecht besessen.“

Auch Worte begeisterten ihn früh. „Ich bin in einer recht religiösen Familie aufgewachsen. Es gab ständig philosophische oder theologische Diskussionen bei uns. Das Innere zu erkunden war mir immer nah. Bevor die ersten Songs entstanden sind, habe ich deshalb erstmal klassische „Wer-bin-ich eigentlich”- und „Pulsader-Schlitz” Poesie geschrieben.”, sagt er lachend.

Aufgewachsen mit zwei älteren Brüdern, die beide Musik machten, war auch hier der Zugang schnell geschaffen. Als Teenager tauschte er die Geige gegen die erste Gitarre und ging zum Studium an die renommierte BIMM nach Brighton, bevor er sich in Londons Open-Mic Szene einen Namen machte. Auf die ersten selbstveröffentlichten EPs folgte ein Plattendeal und ein schwieriges erstes Album. „Zu viel Geld ausgegeben, zu viel Geld verloren,” erinnert sich der mittlerweile in Bristol lebende Musiker. „Dieses Mal war ich fest entschlossen, das genaue Gegenteil zu machen.”

Als die Songs soweit geschrieben waren – einfache Songs, die ihm etwas bedeuteten – folgte Sital-Singh seinem Traum: Er flüchtete nach Irland in ein abgelegenes Studio in Donegal. Nichts sollte ihn davon ablenken, die Platte seines Lebens aufzunehmen. Studiobesitzer und Produzent Tommy McLaughlin – Mitglied der Villagers Liveband – stellte für die Aufnahmen eine kleine, eingespielte Band zusammen. Alles kam mühelos zusammen. Die Aufnahmen dauerten nur zehn Tage.

„Da waren diese großen Fenster und wir schauten über die Hügel von Donegal. Es hat durchgehend geregnet – für mich war das perfekt. Wir haben Musik und Gesang in diesem riesigen Live-Raum aufgenommen. So, wie Platten früher halt gemacht wurden. Das hat wahnsinnig Spaß gemacht. Das waren einfache Songs, die in einem Guten Raum vernünftig aufgenommen und von einer guten Band auf guten Instrumenten gespielt werden mussten. Wir brauchten keinen Firlefanz. Ich musste mich lediglich für die Gesangs-Takes inspiriert fühlen und das war ich.“

„Time Is A Riddle” eröffnet mit „Still”, einem Song den Neil Young möglicherweise am Zuma Beach vergessen hat.

„Mit „Still“ wollte ich die Leute wissen lassen, dass sich noch da bin und mich selbst daran erinnern, dass auch mal Scheiße im Leben passiert, aber dass das auch wieder vorbeigeht, und man ist immer noch da. Es ist allerdings nicht ganz „I’m Still Standing“”. Er lacht, als würde der Elton John Hit in diesem Moment in seinem Kopf spielen.

„Ich hasse die Besessenheit, immer neuen Trends hinterher rennen zu müssen. Die Idee von jemandem, der immer noch da ist und immer noch sein Ding macht, finde ich einen schönen Einstieg in das Album“

Ein weiterer Ankersong auf dem Album ist der Titelsong. „Ich habe viel Feist gehört.“, erklärt er die Idee hinter den schweren Klavier-Akkorden und der Dramatik in „Time Is A Riddle”. “Das macht ihre Musik für mich aus: ruhiges Drama. Manche Produktionen sind ziemlich bombastisch, aber da ist immer auch dieses Sanfte. Das wollte ich hier auch erreichen.”

Dann ist da noch „Innocence”, ein Song, groß und weit. „Genau mein Ding,” sagt Sital-Singh selbstironisch. „Ich bin ganz besonders stolz auf diesen Songs. Der Song war ungefähr so schnell geschrieben, wie er jetzt lang ist. Ich saß vorm Fernseher und plötzlich war der Song da. Ich bin mir selbst nicht ganz sicher, worum es darin genau geht, aber ich denke, die Idee ist, geboren zu werden, die Unschuld zu verlieren, Menschen kommen und gehen und verändern sich stetig.”

Der erste Vorgeschmack aus „Time Is A Riddle” war das herzzerreißende „Killing Me” mit dem dazugehörigen, sehr persönlichen Video.

„Den Song singe ich aus der Sicht meiner Großmutter für meinen Großvater, der vor zehn Jahren starb. Bis heute spricht sie wirklich jeden Tag von ihm. Wenn ich zu viel darüber nachdenke, bricht mir das wirklich das Herz. Eines Tages habe ich mich einfach ans Klavier gesetzt und heraus kam der wahrscheinlich emotionalste Song, den ich je geschrieben hab. Der Song ist mir so nah, dass ich ihn fast nicht mit aufs Album genommen hätte. Dann dachte ich aber, vielleicht können sich die Leute damit identifizieren.”

„Als es dann um das Video zum Song ging, wollte ich ihn darin auf gar keinen Fall singen und in Slow-Mo herumlaufen. Zufällig nahm ich eines Tages eine Lieferung von digitalisiertem Filmmaterial an, die der Großvater meiner Frau in den 70ern gedreht hatte. Ihre Eltern hatten uns das nur geschickt, weil sie gerade nach Vancouver umzogen. Als ich mir die Filme dann ansah – diese nostalgische Welt – und die Parallelen unserer Großeltern sah, war es das Naheliegendste, ein Wink mit dem Zaunpfahl. Ich habe das Material dann einfach zusammengeschnitten – et voilà. „Killing me” ist der mit Abstand persönlichste Song auf dem Album.”

Das Persönliche steckt in allem, was Luke Sital-Singh macht. Sei es der wirklich lustige „Idiot Check” Podcast den er mit ein paar Kumpels auf iTunes betreibt, die großartige Sammlung von Coverversionen bekannter Filmsongs auf Spotify – u.a. Radioheads „Exit Music (For A Film)” aus Romeo & Julia, „Sound of Silcence” aus Die Reifeprüfung oder The Shins’ „New Slang” aus Garden State. Berühmte Songs von berühmten Bands aus berühmten Filmen, Sital-Singh macht sie sich dennoch alle zu eigen.

Was alle diese Dinge gemeinsam haben, sind Sorgfalt und Hingabe. Das ist es, was Luke Sital-Singh auszeichnet. Das ist es, was seine Musik atmen und seine Songs pulsieren lässt. „Ich mag Dinge, die gut gemacht sind – Dinge, in die Liebe geflossen ist, kein Wegwerf-Scheiß. Deshalb mag ich das Slow Movement so gern. Deshalb liebe ich auch Vinyl.“

Und das dürfte zumindest ein Grund dafür sein, warum Hannah Cousins seine Frau ist. Sie ist die Künstlerin, die hinter dem sehr lebendigen Artwork des neuen Albums steckt.

„Hannah ist Illustratorin und Grafikerin. An den meisten meiner Artworks haben wir gemeinsam gearbeitet. Sie hat mir geholfen, die Welt der ersten EPs zu kreieren, diese wurde dann bei „The Fire Inside” leider vom Label plattgemacht.”

Das Cover Artwork für „Time is a Riddle“ war ursprünglich ein Foto eines vom Wind gekrümmten Baums in Donegal. „Donegal war nicht einfach nur der Ort, an dem ich das Album aufgenommen habe – er wurde viel mehr ein Symbol dafür allem zu entkommen und für einen frischen Wind.” Cousins, sehr versiert was Linolschnitte angeht, machte sich an die Arbeit aus dem Foto ein Cover zu gestalten. „Linoldruck ist wirklich eine sehr mühsame Angelegenheit, bei der ein Motiv im Negativ in Linoleum geschnitten wird. Das dauert Stunden. In diesem Fall hat Hannah ganze zweit Tage damit verbracht, bevor sie die Vorlage mit Tinte bestreichen konnte und das Motiv dann mit einer Albion-Presse von 1881 auf Papier brachte.“

Diese Liebe zum Handgemachten präsentiert Sital-Singh auch in einer Serie von Performances, die er in den Studios, Werkstätten, Kunstgießereien und Ateliers verschiedener britischer Handwerker und Künstler aufgenommen hat. Darunter unter anderem ein Kunstkeramiker, ein Messerschmied und eine Kunstglaserei. Diese besonderen Sessions werden in den nächsten Monaten nach und nach veröffentlicht.

Aber zurück zum Jetzt, zurück zu „Time Is A Riddle“. Einem Album, bei dem man sprichwörtlich die Schufterei riechen, den Kit sehen und den Schweiß auf den Gitarrenbünden – und auch gelegentliche kleine Fauxpas bei der Live-Aufnahme –  hören kann. Dieses Album ist echt. Anders würde es Luke Sital-Singh nicht mehr haben wollen. Es ist wie in seinem Brief aus dem Sommer 2015,

„Der Aufwand war es wert. Wie ein langer Lauf auf den Gipfel eines steilen Hügels. Diesen Gipfel habe ich jetzt erreicht. Ich komme zu Atem. Mein Herz pocht. Und wenn ich nach unten schaue, bin ich stolz auf jeden einzelnen Schritt, den ich genommen hab.“

 

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