Thomas Dybdahl

Thomas Dybdahl

Thomas Dybdahl

The Great Plains

Er sieht besser aus als Nick Drake, lebt gesünder als Jeff Buckley und ist jünger als Damien Rice. Keine ganz schlechten Voraussetzungen für einen Musiker, für dessen bisheriges Schaffen die Genannten zu den meist-zitierten Namen in punkto Klang-Referenz dienen. Und dennoch: Was Norwegens am schlechtesten gehütetes Singer-Songwriter-Geheimnis von den Dreien vor allem unterscheidet, ist seine Lebensfreude. Und die hört man auf keinem seiner bisherigen sechs Alben besser heraus, als auf dem aktuellen „The Great Plains“.

Dafür gibt es Gründe: Nach dem der fast schon zwanghafte Kontroll-Freak sich für sein letztes Album dem Experiment ausgeliefert hatte, außerhalb seiner vertrauten Heimat auf einen ihm fremden Produzenten zu setzen, lautete die Marschroute für „The Great Plains“ ganz klar back to normal. Und dass trotz einer Grammy-Nominierung, die er für „What’s Left Is Forever“ mitnahm. Im Osloer Propeller Studio versammelte Dybdahl nicht nur langjährige LieblingsweggefährtInnen, sondern Musiker, die er mindestens so verehrt, wie er ihnen traut: Als Produzent zeichnete Kåre Vestrheim verantwortlich und in Sachen Songwriting sicherte er sich die Zuarbeit von Ingrid Helene Håvik (Highasakite), Nina Nielsen, Øystein Greni, David Baerwald and David Poe.

„I’ve been lucky enough to get to write with some of my favourite musicians on this album and I cannot wait to go on tour with these wonderful songs.“

Apropos Songs. Zehn Stück finden sich auf „The Great Plains“. Und geht man nur vom Tracklisting aus, das mit „Paradise Lost“ beginnt und mit „Bleed“ endet, scheint die oben angesprochene Lebensfreude weiter weg als die Antarktis von der Sahelzone. Der Eindruck täuscht. Gewaltig sogar. Lebensbejahung und das Wissen um das allgemeine Optimierungspotential sowohl von gesellschaftlichen als auch privaten Missständen schließen sich nicht aus. Im Gegenteil: Erst die Akzeptanz der Dinge, die nicht optimal laufen, ermöglicht die Wertschätzung jener, bei denen es anders ist. In Dybdahls eigenen Worten: „I Might Be Broken, But I Won’t Hold Back […] Cause It’s The Hope That Kept Me On This Track […] There’s No Turning Back“ („No Turning Back“). Und wenn dieser zwar vorsichtige, dennoch aber nicht pessimistische Optimismus in einem entsprechenden Klangkleid steckt, ist das Haute Couture für die Ohren.

Dybdahl selbst meint dazu: „The songs on this album are mostly about being in a place in life where you suddenly have time to look in the mirror and into yourself, only to discover that you almost do not recognize the man looking back at you. Songs about the realization that you don’t know as well as you thought, songs about childhood, family and songs about those moments, that in their wake, you can clearly see what was important for everything that came afterward.“ Reife, wie sie im Buche stehen sollte.

Neben der „3 Mile Harbor“ sowie „Bonnie & Clyde“ dürfte vor allem „Just A Little Bit“ herausstechen. Nicht nur, dass es sich bei diesem Trio um die rhythmisch intensivsten Songs des Albums handelt; insbesondere das groovende „Just A Little Bit“ zeigt, wie beeindruckend wenig sich Dybdahl um vermeintliche Konventionen schert: Zusammen haben Akustikgitarren, Synthie-Bässe, zerschnittene Loop-Sequenzen und eine Drum-Machine nie besser geklungen. Die scheinbare Mühelosigkeit, mit der Dybdahl Songs wie diesen zustande bringt, ist einer neuen Gelassenheit geschuldet, die Dybdahl von seiner Amerikareise mitgebracht hat. Die „großen Ebenen“, die sich genau im Zentrum der USA zwischen kanadischer und mexikanischer Grenze erstrecken, haben den großartige Naturschauspiele sicherlich erprobten Norweger sichtlich ergriffen. So sehr sogar, dass der demütige Stoiker Dybdahl sein Album danach benannte: „The Great Plains“.

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